Nein, Vanlife ist kein Urlaub!

Schöne Stellplätze in einsamen Buchten, an weißen Stränden, in üppigen Wäldern. Frei, unabhängig, minimalistisch. So oder so ähnlich stellen sich viele Menschen, denen wir begegnen das Vanlife vor. Deshalb kommt es nicht selten vor, dass wir gefragt werden, “wann es denn jetzt los gehe in den Urlaub” oder “wie lange wir im Urlaub sind”.  

Doch dieser Lifestyle ist kein Urlaub, es ist eine bewusste Entscheidung für einen alternativen Lebensentwurf. Menschen, die diese Art des Lebens und des Reisens wählen, sind häufig auf der Suche nach Antworten. Antworten auf die Frage nach dem Sinn und dem Selbst, dem großen Glück und der absoluten Freiheit.

Obwohl ich auf die Schnelle keine Statistiken über die Vanlife Community in Deutschland und Europa finden konnte, scheint die Community bei uns genauso zu wachsen, wie in den USA, Australien oder Neuseeland. In Berlin sieht man in jeder Straße unterschiedlichste Aus- und Umbauten, Wohnmobile, Kastenwägen und die Klassiker unter den rollenden Mini-Häusern, den VW Bus in verschiedensten Ausführungen. Aber was macht das Vanlife so reizvoll?

Im Vergleich zur komfortablen Wohnung, scheint es erst einmal Verzicht zu bedeuten. Keine 60m², keine Toilette, keine Dusche, kein fließendes Wasser, kaum Platz. Was für viele unserer Freunde und Verwandten undenkbar scheint, ist für uns ein Traum. Als Urlaub können und wollen wir es jedoch nicht bezeichnen. Wir haben uns ganz bewusst für den Verzicht und gegen den Komfort entschieden. Ganz nach dem Motto: Wer über sich selbst hinauswachsen möchte, sollte hin und wieder die eigene Komfortzone verlassen.

Dieses Lebensmodell ist für uns kein Aussteigen, sondern ein tieferes Einsteigen ins Leben. Denn das wonach wir uns im Leben sehnen sind Bewusstsein, Lebendigkeit und Freiheit. Bewusstsein bedeutet für uns, uns nicht vor uns selbst oder der Welt zu verstecken. Es bedeutet wach und präsent zu sein und die Dinge so zu sehen, wie sie sind. In diesem Zustand fühlen wir uns lebendig, wir nehmen unsere Umwelt anders wahr. Dinge, die bislang selbstverständlich waren, werden zu Luxusgütern. Das Leben auf so kleinem Raum geht an die Substanz, aber genau das ist es, wonach es uns verzehrt. Freiheit von gesellschaftlichen Konditionen und Konditionierungen, Freiheit von den immer währenden Störgeräuschen, die uns allzu oft dazu verleiten, uns in ihnen zu verlieren.

Allerdings ist dieses Leben kein Allheilmittel und bestimmt auch nicht der richtige Lebensentwurf für jede*n. Auch wenn es auf Social Media und Youtube häufig romantisch dargestellt wird, hat es seine ganz eigenen Tücken, Schwierigkeiten und Herausforderungen, genau wie andere Lebensstile auch. Wer schon einmal versucht hat, in Berlin ein ruhiges Plätzchen zu finden, nur um morgens mit drückender Blase und umgeben von Joggern aufzuwachen, weiß, das Leben im Van ist kein Zuckerschlecken.

Ideen darüber wer wir sind oder sein wollen, werden in der unvorhandenen Waschmaschine im Schleudergang durch gewirbelt und was wieder rauskommt, ist allzu häufig Verwirrung und Chaos. Und dennoch, mit jeder neuen Herausforderung, jedem Streit darüber, wer nun den halben Wald auf der winzigen Wohnfläche verteilt hat und mit jedem Morgen und Abend, den wir in der Natur verbringen können, eingehüllt von eben diesen Gefühlen von Bewusstsein, Lebendigkeit und Freiheit, die sich wie eine kuschelige Decke um unsere Körper schmiegen, lösen sich Verwirrung und Chaos ein bisschen mehr. Wir sind auf der Suche nach uns selbst, nach der Essenz des Lebens, danach was es für ein erfülltes Leben wirklich braucht. Und manchmal machen wir auch Urlaub…

Josefine ♥




Für alle, die sich wundern, warum der Herzmann und Göttergatte so selten zu sehen ist: Er ist der talentierte Fotograf hinter unseren Bildern!

Fotos © Stefan Weichand




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