Zwei Tipps für achtsames Reisen

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Als wir letztens bei 33 Grad mit gemütlichen 90km/h und offenen Fenstern über die Autobahn zuckelten und über neue Themen für den Blog nachdachten, kam das Thema achtsames Reisen auf. Etwas, dass uns wichtig ist und das wir kultivieren wollen. Denn die Praxis im Alltag wird irgendwann zur Gewohnheit, selber Ort, selbe Zeit, selbes Ritual. Meditation, Yoga, Journaling, all diese Praktiken verschmelzen mit der täglichen Routine und werden zu einem festen Bestandteil des Lebens. 

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Routinen geraten durcheinander

Während dem Reisen kann das, was uns normalerweise erdet und ausgleicht, schnell mal verloren gehen. Zumindest geht es uns im Moment so. Fast jeden Tag ein neuer, aufregender Ort, der entdeckt werden will. Routinen geraten durcheinander, neue entstehen und wir haben wenig individuellen Freiraum. In Berlin lief unser morgendliches Ritual meist sehr ähnlich ab. Während Stefan duscht, mache ich ihm einen Kaffee und bereite Porridge vor. Nach dem Frühstück ziehen wir unsere Tarot Karten. Stefan geht um 8.00 Uhr aus dem Haus und ich habe eine Stunde Zeit auf die Matte zu steigen, meine Tagebuch raus zu holen und zu meditieren, bevor ich mich an den Schreibtisch setze. Stefan nutzt gerne die Zeit auf dem Weg zur Arbeit, um seinen Gedanken nachzuhängen, zu atmen und sich für den Tag einzustimmen. 

Reisen wird zur Gewohnheit

Mit dem Reisen ist es manchmal wie mit dem Verliebtsein. Am Anfang sieht man alles durch die rosarote Brille. Ferne Orte scheinen viel lebenswerter, ruhiger, schöner und spannender, als der Ort, den man bisher als Zuhause kannte. Doch mit der Zeit wird auch das Reisen zur Gewohnheit. Freude und Dankbarkeit über die ständig neuen Erfahrungen ebben ab und der Alltag kehrt ein. Alte Herausforderungen und Streitigkeiten sprudeln wieder an die Oberfläche und selbst das idyllischste Plätzchen kann das nicht verändern, wenn man sich nicht darauf einlassen kann.

Wer für zwei oder drei Wochen in den Urlaub fährt, merkt davon unter Umständen noch nichts. Wenn der Urlaub dann vorbei ist, behält man ihn in liebevoller Erinnerung. Wie der Sommerflirt, den man nicht mit heimnehmen konnte und bei dem einem die Enttäuschung erspart geblieben ist.

Spirituelle Praxis trotz neuem Umfeld

Die Frage ist, wie können wir unsere spirituelle Praxis auch in einem ständig neuen Umfeld aufrecht erhalten, damit das Reisen nicht plötzlich zum Katalysator für die eigenen Probleme wird? 

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Denn so schön das Reisen ist, wenn wir nicht mit allen Sinnen präsent sind, ist auch die schönste Landschaft kein Allheilmittel gegen innere Unausgeglichenheit, Frustration und die eigenen Ängste und Themen. Viel eher werden die Themen noch verstärkt, denn neben der ungewohnten Umgebung, stellen sich neue Fragen, wie: Wo bekommen wir Wasser her? Wo parken wir heute Nacht? Wie sieht es mit unserem Reisebudget aus?

Dankbarkeit praktizieren

Achtsames Reisen lehrt uns, unser Umfeld immer wieder mit kindlicher Neugier zu erkunden und bei der eigenen Praxis kreativ zu werden. Der Grundpfeiler für achtsames Reisen, wie für jede andere spirituelle Praxis, ist die Dankbarkeit. Dankbarkeit verbindet uns mit dem Hier und Jetzt, mit den alltäglichen Dingen ebenso, wie mit den außergewöhnlichen Dingen.

Dankbarkeitsforscher Robert Emmons (2002) definiert Dankbarkeit so: „Dankbarkeit ist das Gefühl des Staunens, des Dankbar-Seins und der Feier des Lebens“.

Gefühle wie Neid, Ärger und Wut lassen sich nicht mit Gefühlen wie Dankbarkeit oder Liebe vereinbaren, deshalb können wir diese positiven Gefühle wie ein Gegenmittel gegen negative Gefühl einsetzen. In einer Studie fand Emmons im Jahr 2003 heraus, dass Menschen, die Dankbarkeit regelmäßig kultivieren, langfristig glücklicher, optimistischer, hilfsbereiter und einfühlsamer sind. Dabei ist die Quelle der Dankbarkeit irrelevant und auch die Häufigkeit ist nicht entscheidend, einmal die Woche reicht vollkommen aus. So behält das Ritual seine Besonderheit und verliert die Bedeutung nicht in der Alltäglichkeit. 

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Fang gleich damit an

Wenn du gerade erst beginnst, Dankbarkeit zu praktizieren, werden dir vielleicht nur wenige Dinge einfallen, für die du in diesem Augenblick dankbar sein kannst. Doch mit ein bisschen Übung wird die Liste immer länger werden. An dieser Stelle möchten wir dich einladen, es gleich auszuprobieren. Nimm dir ein paar Minuten Zeit, schnapp dir Zettel und Stift und schreibe deine ganz persönliche Liste, bevor du hier unseren nächsten Tipp liest.

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Was bedeutet Waldbaden?

Unser zweiter Schritt zu mehr Achtsamkeit beim Reisen ist, die eigene Umgebung ganz bewusst wahrzunehmen. Wir gehen gerne morgens in Stille spazieren und saugen Natur, Farben, Geräusche und Gerüche auf. Dabei kann man uns durchaus auch mal dabei beobachten, wie wir Bäume berühren oder umarmen. Im Fachjargon nennt man diese Art, die Natur zu erkunden “Waldbaden”. In Japan gilt diese Art des Badens sogar als Medizin. Nicht der Körper wird gereinigt, sondern der Geist. Shinrin-yoku ist die japanische Bezeichnung für das Bad an der frischen (Wald)Luft. In Japan wurde es bereits in den Achtzigern vom Landwirtschaftsministerium eingeführt und von einem millionenschweren Forschungsprogramm begleitet, um die medizinische Wirkung nachzuweisen. Seit 2012 ist das Waldbaden ein eigener Forschungszweig in Japan. Auch deutsche Forscher konnten mittlerweile die Heilkräfte des Waldes nachweisen, 20 Minuten durch den Wald spazieren oder auf einem Baumstamm sitzen, reichen bereits aus, um das Cortisol-Level zu senken. Wichtig dabei: Kein Social Media, Telefonieren, Reden oder andere Ablenkungen. Auch hier ist der Schlüssel das Bewusst-Sein. Zwar konnten Forscher nicht nachweisen, dass diese “Naturpille” ein Wundermittel ist, aber wenn du schonmal in einem Wald spazieren warst, kannst du die beruhigende Wirkung wohl kaum bestreiten. Der Evolutionsbiologe Edward O. Wilson nannte das in den achtziger Jahren “Biophilia”. Gemeint ist unsere Liebe zu allem Lebendigen, eine wie er glaubt, evolutionär und genetisch bedingte Liebe zur Natur. 

Und so wandern auch wir durch den Wald und während wir auf dem weichen Waldboden einen Fuß vor den anderen setzen, wandern unsere Ohren vom Rascheln des Laubs und dem Knistern der Ästchen unter unseren Füßen, bis hoch hinauf in die Baumwipfel und zu dem Singen unzähliger Vögel. Unsere Nasen schnuppern die würzig-erdige Luft und unsere Seelen werden eins mit den Seelen unserer verwurzelten Freunde. Es braucht keinen bestimmten Wald und keine spezielle Ausrüstung, lediglich ein wenig Zeit und Offenheit. So kann jeder kleine Spaziergang schnell zu einer ganz persönlichen Achtsamkeitspraxis werden. 


Stefan & Josefine ♥




Fotos © Stefan Weichand