Unterer Spreewald: In der Welt Zuhause

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Nach unserem Start im Naturpark Dahme-Heideseen führt uns unsere Reise tiefer in den Spreewald. Den Vormittag verbringen wir auf dem Parkplatz an der Badestelle in Köthen und fühlen uns pudelwohl. Sanitäranlagen sind nicht weit, wir stehen an einer Art kleinem Dorfplatz und während die Sonne im Verlauf des Morgens immer heißer vom Himmel brennt, sitzen wir in unserem mobilen Office, schreiben Texte, bearbeiten Bilder und erledigen Kleinigkeiten. Bisher war jeder Tag im Bus anders und dennoch schaffen wir kleine Routinen, um nicht vollkommen das Gefühl für Zeit und Raum zu verlieren. Denn so sehr wir es genießen, dem System ein wenig zu entfliehen, wissen wir doch, dass wir nicht frei sind von unseren Verpflichtungen als Teil einer Gesellschaft. Unsere tägliche Praxis erdet uns inmitten all der Veränderungen und Impressionen.

Ausgezeichneter Whiskey mitten im Spreewald

Am frühen Nachmittag fahren wir in das fünfzehn Minuten entfernte Schlepzig. Dort wollen wir uns die Spreewood Distillers, eine Whiskeybrennerei, anschauen. Und wieder begeistert uns bereits die Fahrt durch Wald und Felder. Die Straßen machen den Eindruck, als seien sie nicht wirklich für den Kraftfahrzeug-Verkehr gemacht, sondern einzig und allein für all die Menschen, die sich ebenso an den saftigen grün und gelb Tönen, den bunten Wiesenblumen und den kleinen Ortschaften erfreuen, wie wir. 

Das Navi lotst uns auf einen Parkplatz direkt am Ortseingang. Wir parken Emil bewusst in der Sonne, um unsere Solarzelle aufzuladen, cremen uns gut mit Sonnencreme ein und marschieren los. Ganze 50 m bis zum Brauhaus. Hier nimmt nun ein kleines Missverständnis seinen Lauf. Während ich davon ausgehe, bereits bei den Spreewood Distillers angekommen zu sein, freut Stefan sich an meinem vermeintlichen Motto: “Erst mal ein Bierchen!”. Mit zwei kühlen selbstgebrauten Bieren finden wir ein schattiges Plätzchen auf einer Wiese, direkt an einem Kahnhafen. Von hier starten Kahnfahrten auch mit traditionellen Trachten. Der Garten ist schön gestaltet und wir entdecken einen Biber, der gemütlich durchs Wasser gleitet, an Land watschelt und sich putzt. 

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Nachdem die Biere leer sind, kommt unser Missverständnis raus und wir beeilen uns zu den Spreewood Distillers zu kommen. Neben Whisky und Rum bietet die Brennerei auch Führungen, Kahnfahrten, Seminare, Eis und mehr. Eine sehr freundliche Angestellte gibt uns einige Hintergrundinformationen und lässt uns probieren. Besonders lecker schmeckt an diesem Sommertag die Sonderedition Gin in Zusammenarbeit mit dem Botanischen Garten Berlin und der Humboldt Universität, zum 250. Geburtstag von Alexander von Humboldt. Zu gerne würden wir uns mit einem erfrischenden Gin Tonic belohnen, aber wir wollen nicht auf dem Parkplatz stehen bleiben und uns ein ruhiges Nachtlager suchen.

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Wildcampen am Briesensee

Wir entscheiden uns auf unserem Europa Atlas für den Briesensee, den ich vorher bereits nach einer Recherche eingekringelt hatte und fahren los. Der Briesensee gehört zum gleichnamigen Ortsteil in Neu Zauche und liegt etwas außerhalb des Naturparks. Wir fahren durch das Dorf und an den Waldrand. Das Navi schickt uns auf einen sandigen Weg, der sich immer tiefer zwischen den Bäumen hindurch in den Wald schlängelt. Da uns kein Schild eines Besseren belehrt und wir nach unserer Ausbuddelerfahrung in Dänemark für Notfälle mit Unterlegematten ausgestattet sind, zögern wir nicht lange. Emil wogt mit uns über die Bodenwellen, die Sonne glitzert durch die Baumwipfel und wir müssen natürlich anhalten, um das obligatorische “Van-auf-einsamer-Straße-mitten-im-Wald”-Bild zu schießen. Ich lasse mich wieder einsammeln, springe auf das Trittbrett und halte mich im offenen Seitenfenster fest. Es duftet nach Fichtennadeln und warmem Laub. Freiheit!

Wir erreichen einen abgelegenen Ort, eine Art Campingplatz, der fast leer scheint. Wir ignorieren sämtliche Schilder und ich überlege mir schon, was wir sagen können, sollte sich jemand beschweren. Das ist so eine Sache, ich frage mich immer wieder, was wohl das Schlimmste wäre, was passieren könnte. Wohl, dass jemand uns wegschickt. Eigentlich halb so wild, aber ein bisschen nervös bin ich trotzdem. 

Der See liegt eingesäumt vom Wald und blau von der Sonne vor uns. Nur eine Handvoll Menschen verteilt sich über die gut 400 m Strand. Ich kann gar nicht so schnell gucken, wie Stefan nackig in den See flitzt. Ich ziehe mich aus, um es ihm gleichzutun und mich in das kühle Nass zu stürzen, doch schon auf dem ersten Meter versinke ich wadentief im Schlamm. Nicht wirklich mein Ding, ich trete den Rückzug an. Mit Picknick im Gepäck finden wir zwei Liegestühle am Badestrand zwischen kleinen Inseln aus Schilf und machen es uns gemütlich, während die anderen Leute sich zurückziehen.

Die Welt ist unser Zuhause

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Die Welt scheint uns zu gehören und wir parken unser rollendes Zuhause dort, wo es uns gefällt. Eine entspannte Ruhe legt sich auf uns, wir schweigen lange und reden dann über uns, über den Moment, über die Zukunft. Wir fühlen uns dankbar und angekommen.

Und die Moral der Geschichte? Regeln sind da, um sie zu überprüfen und für sich selbst zu entscheiden, welchen Regeln und Gesetzen man sich unterwirft. Es ist eine Gratwanderung zwischen individueller Freiheit und gesellschaftlichen Pflichten. Wir sind uns einig, dass diese Reise keine Phase ist, sondern Teil eines Lebenswegs, der sich immer weiter verästelt. Jede Entscheidung, die wir treffen, schreibt unsere Geschichte weiter.

Josefine ♥

+ Unsere Tipps

Brauhaus Schlepzig

Gemütlicher Garten mit Blick auf das Wasser, leckeres selbstgebrautes Bier

Spreewood Distillers

Ausgezeichneter Whiskey, Sonderedition Gin, dazu Eis, eine beeindruckende Distillerei und eine tolle Atmosphäre mit Terrasse am Kanal

Fotos © Stefan & Josefine Weichand