Über Polen ins Baltikum

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Ohne Zeitgefühl

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Die letzten Tage haben wir in Polen verbracht und um ehrlich zu sein, könnte ich nicht mal sagen, wie lange wir genau dort unterwegs waren. Unser Zeitgefühl schwindet mehr und mehr und oft wissen wir weder Tag noch Datum oder Uhrzeit. Nur die Arbeitsverpflichtungen erinnern uns an unser westliches Verständnis der Zeit. Ungefähr eine Woche haben wir wohl in Polen an der masurischen Seenplatte verbracht und wir waren begeistert von der Vielzahl der Seen, der Natur und tollen Grundstücken direkt am Ufer. Wir sind uns bewusst, dass wir nur einen kleinen Bruchteil von Polen gesehen haben und kaum Schlüsse auf ein ganzes Land ziehen können. Eins ist sicher, wir kommen wieder.

Desto näher wir der litauischen Grenze kommen, desto stärker wirkt die Anziehungskraft des Baltikums auf uns. In den letzten Wochen haben wir fleißig die Jäger des verlorenen Schmatzes auf Instagram verfolgt, die schon zum zweiten Mal in diesen Gefilden unterwegs sind und unentwegt tolle Bilder posten. Besonders die wilden Blaubeeren haben es mir angetan. Überhaupt wirkt alles, was wild gepflückt werden kann, magisch auf mich. Stefan lacht schon über mich, weil ich immer wieder Mirabellen probiere und dabei jedes Mal wieder feststelle, dass sie noch zu sauer sind. Ich weiß, der Tag wird kommen, an dem ich mir den Bauch mit den süßen gelb-roten Früchtchen voll schlage.

Impressionen aus polen

Der kühle Norden

Dass wir nun viel weiter nördlich unterwegs sind, macht sich bemerkbar. Nicht nur die Landschaft verändert sich, wir müssen auch die Daunen- und Wolljacken hervorholen und eine zweite Decke benutzen. Wir genießen es, uns einzumummeln und nicht zu schwitzen. Wir sprechen hier von 20-24 Grad, im Vergleich zum Hochsommer in Deutschland empfinden wir das als frisch. Bei Schatten und Wind beträgt die gefühlte Temperatur eher 18 Grad. Wir zwiebeln also was das Zeug hält und mit stylish hat mein Outfit auf jeden Fall nicht mehr viel gemein. Interessieren tut das natürlich niemanden und mir ist es auch egal. Die Vorzüge des Vanlifes. 

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Arbeiten in der Bibliothek

Kostenlose Stellplätze in der Natur gibt es sowohl in Polen als auch in Litauen zur Genüge, nur das Internet und unsere Verpflichtungen gegenüber unseren Kunden machen uns das ein oder andere mal einen Strich durch die Rechnung. So verbringen wir eine Nacht in einem touristischen Hafenstädtchen an einem See und nutzen die kleine Bibliothek vor Ort. Die Frau ist sehr freundlich, das Internet kostenlos und schnell und wir haben die nötige Ruhe einige Dinge abzuarbeiten. Danach löst sich eine innere Anspannung, denn wir wissen, ohne Kundenaufträge ist dieser Lebensabschnitt vielleicht schneller zu Ende, als uns lieb ist.

Ruhe am See

Zwar gibt es in dem Städtchen eine tolle Pierogarnia, wo wir uns handgemachte frische Pierogi gönnen, trotzdem sind wir froh, als wir den Touristenhotspot hinter uns lassen und an einem kleinen See einen ruhigen Platz finden. Außer uns steht hier noch ein deutsches Pärchen mit ihrem Camper. Deutschen Campern sind wir bisher noch kaum begegnet. Eine sympathische polnische Familie aus dem Dörfchen hat ihr Familienzelt aufgeschlagen und ist dabei, ein riesiges Lagerfeuer zu entfachen. Wir schlingern ein wenig durch die Sandgrube, bleiben aber nicht stecken und freuen uns über einen etwas abgeschiedenen Spot mit Blick auf den See. 

Aufbruch nach Litauen

Am nächsten Tag können wir es nicht mehr abwarten und fahren die letzten 2.5 Stunden nach Litauen. Kurz hinter der polnischen Grenze finden wir den wohl schönsten Wildcamping Spot bisher. Wir biegen auf einen Feldweg ab und nach einigen Hundert Metern eröffnet sich vor uns im Wald ein lang gezogener Streifen direkt am Ufer eines riesigen Sees. Zwei Camper sind gerade dabei ihr Nachtlager abzubrechen und wir übernehmen ein Plätzchen mit direktem Zugang zum See und Feuerstelle. Bis zum frühen Abend sind wir hier alleine. Wegen des Regens der letzten Tage ist das meiste Holz feucht und der Wind ist stark. Die Wellen brechen sich am Ufer und wir haben das Gefühl, am Meer zu stehen. Lange versuchen wir, ein Feuer zu entfachen, aber Wind und Feuchtigkeit tragen diesmal den Sieg davon.

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Konflikte bleiben nicht aus

In der Rubrik Bewusstsein haben wir darüber geschrieben, wie wichtig Kommunikation ist. Auch heute, an diesem idyllischen Fleckchen Erde, bleibt eine kleine Meinungsverschiedenheit nicht aus. Ich stapfe von dannen, um mich zu beruhigen, und finde einen größeren Feuerplatz mit trockenem Holz und einer Konstruktion, über die man wohl eine Plane spannen kann, um das Feuer vor Wind zu schützen.

Eine kleine verschnaufpause

Inspiriert von der Technik der Locals schnappe ich mir einige große Äste und eine Astgabel. Das Plätzchen ist sonnig und das Holz trockener, als an unserem Stellplatz. Ich mache mich auf den Rückweg und beginne immer noch ein bisschen trotzig meine Astgabel und einen Stock in den Boden zu rammen, um einen Windschutz zu bauen. Als ich ein Taschenmesser aus dem Van holen muss, müssen wir beide lachen. Manchmal braucht es nur eine kleine Verschnaufpause voneinander. 

Wir haben Feuer gemacht!

Ich zeige Stefan meine Entdeckung und wir sammeln noch einige Birkenzweige und Moos. Was für mich die Schildkröten sind, sind für Stefan scheinbar die Schnecken. Ständig entdeckt er eine, filmt und fotografiert sie oder zeigt sie mir stolz. Auf meine Frage hin, sagt er, eigentlich wären es ja die Wale, die ihn faszinieren, aber die würde er so selten zu Gesicht bekommen und Schnecken sein schließlich auch faszinierende Geschöpfe. Ich spanne unser Tarp als Windschutz auf und wir schaffen es tatsächlich: unser allererstes Feuer.

Wir sind stolz und zufrieden. Es hat etwas ursprüngliches und natürliches, auf diese Weise mit den Elementen zu arbeiten und sie für sich zu nutzen. Wir grillen Zucchini und Knoblauch in der Glut und freuen uns über den rauchigen Geschmack. Mir kommt eine Analogie für das Leben in den Sinn. Mit dem Leben und den Träumen verhält es sich ganz ähnlich wie mit einem Feuer. Solange die Glut noch glimmt, ist es noch nicht vorbei und wenn du unbedingt ein Feuer entfachen möchtest, die äußeren Umstände aber nicht ideal sind, wirst du immer einen Weg finden, selbst wenn es bedeutet, dein Feuer an einem anderen Ort zu entzünden. 

Dankbar für unser Leben

Ich wache von den vielen Küsschen auf, die Stefan auf meinem Gesicht verteilt. Ich hatte wieder einen aufregenden Traum und Stefan versucht, mich sanft in den Moment zurückzuholen. Wir bleiben noch einen Moment liegen und genießen die morgendliche Stille. Dann springe ich auf und sprinte nackt in den kalten See. Stefan tut es mir gleich und wir müssen laut lachen, vor Kälte, vor Verrücktheit, vor Dankbarkeit für unser Leben. 

Wir verbringen die Zeit nicht nur damit, Feuer zu machen und in der Hängematten Ella Grace Denton’s Podcast zuhören, sondern auch mit Arbeit. Besonders an solchen Orten hat Stefan ständig die Kamera in der Hand, um gute Bilder für Blog und Instagram zu schießen. In den letzten 24 Stunden hat er so über 400 Bilder und Videos geschossen, die 20 GB Speicher einnehmen. Diese muss er jetzt aussortieren und bearbeiten. Das Filmen und Fotografieren rückt immer mehr in den Mittelpunkt und man unterschätzt den zeitlichen Aufwand. Ohne Stefan’s gutes Auge für tolle Motive und seinen ständigen Wissensdurst, wäre dieser Blog vermutlich voll von lizenzfreien Bildern aus dem Internet. So bilden wir ein gutes Team, denn von den technischen Feinheiten und Code habe ich absolut keine Ahnung und auch die Muse zum Fotografieren fehlt mir oft.

Impressionen aus Litauen


Josefine & Stefan ♥

+ Unsere Tipps

Abgelegener Stellplatz am See

Breitengrad 53.995399

Längengrad 22.0299

Wydminy

Polen

Abgelegener Picknickplatz am See mit Feuerstelle und Steg. Klares Wasser, rundherum grün.

Wildcampen Litauen

Breitengrad 54.263927

Längengrad 23.716575

67233 Sutré

Unser bester Spot bisher, direkter Zugang zum See, Feuerstellen, schattig, schön.



Fotos © Stefan Weichand