Familie, Erwachsenwerden & Knoblauchsrauke

stefan-und-josefine.jpg

Wenn man es ganz genau nimmt, ist unser Vanlife noch gar nicht so richtig gestartet. Vielleicht ist das allerdings auch nur Definitionssache. Seit über einem Monat wohnen wir jetzt im Bus. Schon öfter wurden uns Matratzen und Couchen angeboten, die bestimmt sehr bequem gewesen wären. Doch wir bevorzugen unser Bett - 1.90 m lang, 1.30 m breit, 0.15 m dick, 100 % Gemütlichkeit. Wegen Familienevents sind wir seit zwei Wochen in Süddeutschland unterwegs. Die meiste Zeit schlagen wir unser Nachtlager auf der Straße auf. Keine romantischen Campspots mit toller Aussicht, dafür Zugang zu Toilette und Dusche und Zeit mit den Liebsten. 

vanlife-beziehung.jpg

Erwachsen werden: Wir wachsen mit unseren Aufgaben

Einige Fragen des Vanlebens stellen sich uns im Moment nicht. Um Strom, Internet und Wasser müssen wir uns keine Gedanken machen und auch das Budget wird wenig strapaziert, da wir kulinarisch umsorgt und verwöhnt werden. Die Zeit bei der Familie wirft dafür andere Fragen auf und bringt andere Herausforderungen mit sich. Es ist etwas anderes, als verheiratetes Paar mit einem eigenen Leben zur Familie zurückzukommen. Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, unser Verhalten, unsere Vorlieben und Routinen sind geprägt durch unsere Eltern. Gleichzeitig haben wir als Paar neue Routinen und gemeinsame Vorlieben und hinterfragen die alten Gewohnheiten, die bisher selbstverständlich waren. Die Zeit mit der Familie bietet viel Potenzial für kleine Reibereien, aber auch für Wachstum. Immer wieder sind wir aufgefordert, uns als Paar zu finden und einander Verständnis entgegenzubringen. Erwachsen werden endet nicht mit dem 18ten Geburtstag. In unterschiedlichen Kulturen wird das Erwachsenenalter verschieden definiert, es scheint also keine universelle Schwelle zu geben, die unser “Erwachsen werden” markiert. “Erwachsen” kommt von wachsen und damit möchten wir nie aufhören. Und so wachsen wir individuell und zusammen mit unseren Herausforderungen. Die Familie ist dabei immer wieder eine gute Richtlinie, denn niemand sonst kennt uns so lange und so gut wie sie. Auch wenn sich unsere Einstellung im Laufe des Lebens verändert, so bleibt unser wahres Wesen doch unverändert. 

Für mich war meine Familie in Krisensituationen immer ein Kompass, den ich nicht immer zurate ziehen wollte, aber immer zurate ziehen konnte. Nicht ihre Art zu leben oder ihre Einstellung machen diesen Kompass aus, sondern ihre bedingungslose Liebe zu mir als Mensch. Und weil ich ein Glückspilz bin, dient auch ihre Art zu Leben mir häufig als Inspiration. 

samen-der-knoblauchsrauke.jpg

Familie im Kräuterfieber

Gerade stehen Kräuter hoch im Kurs und so sind Papa, unser Dackelmädchen Frieda und ich am Sonntag auf einer Mission, um Knoblauchsrauke zu ernten. 5000 Jahre alte Funde zeigen, dass die Gewürzpflanze schon damals beliebt war. Nachdem sie ein wenig in Vergessenheit geraten ist, wird sie nun wieder populär. Wurzel, junge Triebe, junge Samenhülsen und die Samen selber lassen sich verwerten. Wir sind auf die kleinen schwarzen Samen aus, die sich in den länglichen Hülsen verbergen. Der Geschmack erinnert an Meerrettich, scharf und ein wenig bitter. Aus der Saat lässt sich eine Art Senf herstellen. Auf einer Kräuterwanderung der Volkshochschule haben meine Eltern die Senfalternative probiert und waren begeistert. Erntezeit ist zwischen Juli und August und mein Dad ist ein wenig enttäuscht, dass wir nur hier und da ein paar einzelne Pflanzen finden. Die Samen sind klein und man muss einige Pflanzen ernten, um Senf herstellen zu können. 

knoblauchsrauke.jpg

Senf aus Knoblauchsrauke

Auf den letzten Metern durch den Wald finden wir dann endlich noch eine Stelle, an der die Knoblauchsrauke wuchert. Stolz bringen wir unseren Fund nach Hause und sieben aufwendig die Spelzen raus. Das Knoblauchsrauken-Fieber hat uns gepackt. Kurzerhand machen wir die Fahrräder startklar und Stefan, meine Eltern und ich fahren zurück in den Wald. Während Papa mit der Tüte am Gürtel durch das Dickicht stapft, befreien wir Samen über einem großen Tuch aus ihren Hülsen. Dabei machen wir zwangsläufig eine kleine Insektenstudie, denn viele verschiedene Kleinstbewohner nennen die Rauken ihr Zuhause. Wir entdecken den “ADAC-Käfer”, der mit seinem gelb-schwarzen Gewand schnell ins Auge sticht. Das mit dem ADAC ist natürlich ein Scherz. 

Für unsere Bemühungen belohnen wir uns mit einer Pfälzer Schorle und machen uns dann auf den Heimweg, um den Senf herzustellen. Beim ersten Versuch wird er etwas bitter. Ob es am Mahlen oder am Erhitzen liegt, wissen wir noch nicht genau. Wenn du dich mit Kräutern auskennst, freuen wir uns über deine Tipps in den Kommentaren.


Zuhause ist kein Ort

Wir besuchen auch meine beste Freundin und Trauzeugin Kathi und ihren Freund René in ihrer neuen Wohnung mit Blick auf die Wingerte, wie man hier zu den Weingärten sagt, die die Landschaft prägen. Wir sind etwas angespannt von zwei Wochen mit Familie und Freunden. Die Zeit für uns selbst ist auf der Strecke geblieben und mir wird bewusst, wie sehr ich diese Zeit brauche, um mich geerdet, angekommen, und Zuhause zu fühlen. Ich habe einen kleinen Moment der Erleuchtung, als mir klar wird, dass das Gefühl des Fremdseins all die Jahre nicht an einem bestimmten Ort lag, sondern daran, dass ich nicht wusste, wie wichtig es ist, sich selbst zu fragen, wie man sich fühlt und was man braucht. Auch mal Nein zu sagen, Grenzen zu setzen und sich Zeit zu nehmen. 

Kathi begleitet mich seit meinem 13ten Lebensjahr und ist die Art von Freundin, die mir die Wahrheit gerade heraus sagt und sich nicht geniert, die unangenehmen Fragen zu stellen. Auf ihrem Balkon fällt plötzlich eine große Last von uns ab. Sie ist feinfühlig genug, sich zurückzuziehen, während wir uns fest in den Arm nehmen. Tränen der Erleichterung und der Freude hinterlassen Spuren auf unseren Wangen und wir können uns vor Lachen plötzlich nicht mehr halten. Da ist sie wieder diese magische Verbindung, dieses zarte Band zwischen uns. In solchen Momenten sehen wir einander, als hätten wir uns sehr lange nicht gesehen. Keine Masken, keine Schutzwälle. Wir sehen einander, wie wir sind.


Josefine ♥




Fotos © Stefan & Josefine Weichand