Beziehung: Die Kraft von Zeremonien

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Letztes Jahr haben wir uns nach nur wenigen Monaten Beziehung entschieden, zu heiraten. Stefan wollte nie heiraten und ich wollte immer heiraten. Bis ich in Berlin angefangen habe, mein Konzept von Beziehungen und Ehe zu hinterfragen. Braucht man überhaupt eine Ehe oder eine Beziehung, um wahre Liebe zu erfahren? Schränkt man wahre Liebe ein, indem man sie in einer Beziehung oder Ehe versucht einzufangen und festzuhalten? Und trotzdem, bei unserem ersten Trip mit Freunden nach Usedom und nach einem wunderschönen Tag, hatte ich den starken Impuls, Stefan zu fragen, ob er mich irgendwann heiraten würde. Tiefes Wissen oder die Angst, diese Liebe und dieses Glück zu verlieren? Vielleicht von beidem ein bisschen. Die Ehe ist für uns kein Ort, an dem Liebe festgehalten werden kann, aber ein Ort, an dem sie kultiviert werden kann. Zumindest für diejenigen unter uns, die sich entscheiden, den Hafen der Ehe anzusteuern und aktiv daran zu arbeiten, Liebe zu erleben. Denn natürlich kann Liebe auch in jeder anderen Beziehungsform erlebt und erfahren werden, da sind wir uns sicher und welche Form man für sich schlussendlich wählt, sollte wohl jeder und jedem selbst überlassen bleiben. 

Mit unserem Traum vom Leben im Van ist auch die Idee entstanden, irgendwo auf der Reise zu heiraten und Familie und Freunde dann zu einer großen Party einzuladen, um unsere Liebe noch einmal zu manifestieren. Wir haben uns gegen eine traditionelle Trauung entschieden und wollten trotzdem nicht auf eine Zeremonie verzichten. Intuitiv war uns klar, dass das wohl der wichtigste Part der gesamten Feierlichkeiten ist. Lange habe ich recherchiert und das World Wide Web durchkämmt, ohne etwas zu finden, was uns dabei geholfen hätte, unsere Zeremonie zu gestalten. Nach und nach hat sich ein Bild geformt und vor einigen Wochen bin ich durch Zufall auf ein Buch gestoßen: The Conscious Wedding Handbook. Wir haben nicht lange darüber nachgedacht und haben es bestellt. Während wir es durcharbeiten, wird uns klar, dass wir vor einem Moment der Initiierung stehen. Einem Moment, in dem wir eine Schwelle übertreten und einen neuen Lebensabschnitt beginnen. Leider haben viele von uns das Bewusstsein über die Wichtigkeit dieser Schwellenmomente in unseren Leben verloren. Taufe, Kommunion, Schulabschluss, der Übergang vom Mädchen zur Frau und vom Jungen zum Mann, die Ehe. Wir passieren diese Schwellen scheinbar nahtlos, selbstverständlich und häufig ohne große Anerkennung des vergangenen Lebensabschnitts und des zukünftigen Lebensabschnitts. 

Eine Zeremonie, egal welcher Art, gibt uns die Möglichkeit zu reflektieren, Abschied zu nehmen, Neues zu feiern, eine Intention für den neuen Lebensabschnitt zu setzen und damit unser Leben bewusst zu gestalten. Mit einem Fuß noch in der Vergangenheit, können wir die neu entstehende Zukunft schon fühlen. “Persencing” nennt Dr. Otto Scharmer vom MIT diesen Prozess, indem wir unsere Zukunft aus unserer Erfahrung und der Gegenwart heraus erschaffen. Es ist eine Gelegenheit, anzuerkennen woher wir kommen, welchen Weg wir gewählt haben, wo wir stehen und welchen Weg wir zukünftig einschlagen wollen. Und es ist eine Gelegenheit als Gemeinschaft zusammen zu kommen und diese Gemeinschaft zu stärken. Wer schon einmal auf einer Hochzeit war, kennt vielleicht das Gefühl tiefer Gerührtheit beim Ja-Wort und die Energie von Liebe, Freude und Glück, die das frisch vermählte Paar ausstrahlt. Man möchte diese Energie aufsaugen, darin baden, damit gesegnet werden. Das bedeutet, selber einen Teil dieser Energie auf- und mitnehmen. 

Zeremonien sind dafür da, uns Übergänge zu erleichtern und uns in Dankbarkeit mit einzelnen, mehreren oder allen Dimensionen des Seins zu verbinden. Unsere Zeremonie ist eine Zeremonie im Namen der Liebe, die alle Dimensionen und alle Gäste einschließt, um Liebe, Freude und Fülle in die Welt zu tragen.

Bei unserer standesamtlichen Trauung haben wir die Energie und das Potenzial komplett unterschätzt. Wir fanden diese spontane Aktion lustig, mutig, wir haben uns gefreut und waren aufgeregt. Und wir waren überhaupt nicht darauf vorbereitet, von einem unendlichen Strom der Liebe und des Glücks weggerissen zu werden. Noch nie in meinem Leben habe ich gleichzeitig so sehr von Herzen gelacht und von Herzen geweint. Wir konnten die gemeinsame Aura spüren, die uns umgeben hat und jede und jeder einzelne auf dem kleinen Weinfest auf dem Marktplatz von Christiansfeld konnte es ebenfalls spüren. Wir haben mit so vielen Fremden angestoßen, wie noch nie und bis heute hat sich dieser Tag als einer der schönsten Tage unserer Leben eingeprägt. 

Zeremonien und Rituale stärken Beziehungen, sie schaffen Commitment und Klarheit und befähigen uns. Statt darauf zu hoffen, dass die Liebe ewig hält, während wir unsere Beziehung als selbstverständlich hinnehmen oder in der ständigen Angst leben, dass wir die Liebe verlieren könnten, können wir unsere Beziehungen aktiv gestalten. Obwohl Liebe unser natürlicher Zustand ist, haben die allermeisten von uns verlernt, wie sich Liebe, Leichtigkeit und Freude anfühlen. Wir haben gelernt, dass Liebe an Bedingungen geknüpft ist und das wir hart dafür arbeiten müssen. Leichtigkeit ist etwas, das uns eher in Alarmbereitschaft. versetzt. Wir warten nur darauf, dass wieder etwas schief geht. 

Wir wollen dich einladen, eine andere Perspektive einzunehmen:


Was wäre, wenn du davon ausgehen würdest, dass dein natürlicher Zustand Liebe ist und das dieser Zustand leicht und mühelos ist? Was, wenn du keine Angst haben müsstest, dass die Liebe für dich nicht reicht? Und was wäre, wenn du mit kleinen Ritualen und Zeremonien im Alltag noch mehr Liebe und Leichtigkeit empfinden könnest? Würdest du es ausprobieren?

Josefine ♥